Wahl vorbei – Weg für neue Bildungschancen frei?

October 31, 2017

 

Bericht zur Diskussion am 10. Oktober 2017 in der BMW Foundation Herbert Quandt

 

50.000 Jugendliche verlassen dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge jedes Jahr in Deutschland die Schule ohne Abschluss. Das ist nur ein Fakt, der stellvertretend für Missstände in unserem Bildungssystem steht. Es verwundert daher nicht, dass die Schul- und Bildungspolitik laut Infratest dimap mit 64 % wichtigstes Thema für die Wahlentscheidung der deutschen Bevölkerung gewesen ist.

 

Um zu erörtern, was jetzt getan werden muss, damit in der kommenden Legislaturperiode neue Bildungschancen entstehen, hatten ‚Netzwerk Chancen’ und ‚Deutschland rundet auf’ mitten in den beginnenden Koalitionsverhandlungen zum Dialog geladen. Professor Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und Dr. Rüdiger Grube, Ex-Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG diskutierten mit mehr als 100 Gästen.

 

 

A) IMPULSE DER PODIUMSTEILNEHMER

 

Impuls Rüdiger Grube: „Ich halte nichts von diesem sch*** Föderalismus“

 

Vom Bauernhof in die Vorstandsetage – Rüdiger Grube hat den sozialen Aufstieg geschafft. Das Geheimnis seines Erfolges liegt in der Kindheit: Der Top-Manager erklärt, dass ihn sein Elternhaus stark geprägt habe. Seine Mutter, alleinerziehend, habe großen Wert auf Gleichbehandlung Grubes und seines älteren Bruders gelegt, der als Kind stotterte. Dies habe Grube als gerecht, aber auch als einengend erlebt.

 

Als seine Tante ihn einmal fragte, was er später werden wolle, antwortete Grube wie aus der Pistole geschossen: Pilot! Die Reaktion der Tante – schallendes Gelächter – schmerzte und beschämte ihn. „Das schaffst Du nie!“  Wie ein Dorn unter der Haut piekte Grube diese Aussage und stachelte ihn an, mehr zu erreichen. So meldete er sich gegen den Willen seiner Mutter bei der Realschule an und hatte dabei auch das nötige Quäntchen Glück: Niemand merkte, dass die Unterschrift der Eltern fehlte.

 

Als entscheidend für seinen beruflichen Erfolg sieht Grube selbst die Werte, die in seinem Elternhaus gelebt wurden und die er verinnerlicht hat: Glaubwürdigkeit, Authentizität, Respekt, Wertschätzung, Integrität, Loyalität, Disziplin, Leidenschaft.

 

Die neue Bundesregierung fordert er dazu auf, massiv in Bildung und Ausbildung zu investieren. „Wir leben vom Export – das können wir besser als andere. Und wir sind dafür auf Innovationen als Ergebnis hervorragender Bildung angewiesen,“ sagte Grube. Das duale Ausbildungssystem sei Grundlage für Innovationen.

 

Auch die Unternehmen sieht Grube in der Verantwortung. Als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG habe er die Deutsche Bahn Stiftung gegründet, in die jährlich 0,5 % des Betriebsergebnisses fließen, etwa 15 Mio. Euro pro Jahr. Persönlich engagiert er sich als Schirmherr für das Projekt „Offroad Kids“, um jungen Menschen wieder eine Perspektive in Form einer Ausbildung zu geben.

 

Impuls Marcel Fratzscher: „Was Kinder bis zum sechsten Lebensjahr nicht lernen, können sie kaum noch aufholen.“

 

Als grundlegend für Bildung und den damit verbundenen sozialen Aufstieg sieht DIW-Präsident Marcel Fratzscher die Familie. Wenn ein Kind bis zum 6. Lebensjahr kognitive und nicht-kognitive Fähigkeiten, die grundlegend für einen erfolgreichen Bildungsweg sind, nicht entwickelt hat, werde es enorm schwierig, dies nachzuholen. Staat und Gesellschaft zögen sich zu stark aus der Verantwortung für frühkindliche Förderung. „Der Staat muss zielgerichtet vor allem den Kindern und Jugendlichen helfen, die von Zuhause keine Hilfe erwarten können“, sagte Marcel Fratzscher.

 

Mit Blick auf Kita-Gebühren merkte er an, dass Deutschland bildungsökonomische Renditen verschenke. Eine aktuelle Studie des DIW komme zu dem Ergebnis, dass zwei von drei armutsgefährdeten Familien Kita-Gebühren zahlen und damit bezogen auf ihr Einkommen ebenso belastet würden, wie wohlhabende Familien. Ein enormer Missstand, den die neue Bundesregierung beheben müsse. Kita-Gebühren seien durchaus streitbar.

 

Fratzscher fürchtet, dass eine Jamaika-Koalition wenig im Bereich Bildung anstoßen werde.

„Ich wünsche mir von der neuen Bundesregierung eine Investitionsoffensive in Bildung, Innovation und Infrastruktur, genauso wie mehr Verantwortung für ein geeintes und starkes Europa.,“ sagte Fratzscher. Dringende Reformen, um neue Bildungschancen zu schaffen, seien: der massive Ausbau der frühkindlichen Bildung, die Förderung des lebenslangen Lernens über den ersten Berufsabschluss hinaus sowie die Förderung von Frauen in der Wirtschaft.

 

Moderatorin: „Sind Sie Feminist?“

Fratzscher: „Gibt es jemanden, der nicht Feminist ist?“


 

B) FORDERUNGEN AUS DEN BUZZGROUPS

 

Die über 100 Gäste erörterten in drei Buzzgrups, wie und welche neuen Bidungschancen sich in der neuen Legislaturperiode ergeben sollten.

 

- Neue Bildungschancen – Welche Initiativen würden Sie starten, wenn Sie „Chancenminister“ der neuen Bundesregierung wären?

 

Beim Elternhaus ansetzen

Verlässliche Strukturen und eine sichere Finanzierung schaffen, um Eltern stärker in die Schullaufbahn der Kinder einzubinden. Auch Jugendämter müssen eingebunden werden. Es geht nicht darum, Eltern zu zwingen, sondern nach Ursachen zu suchen, warum Eltern ihre Kinder nicht angemessen unterstützen können.

 

Frühkindliche Förderung ist auch Verantwortung des Staates. Der Staat muss den Eltern bei der Erziehung helfen, die dies nicht aus eigener Kraft leisten können oder wollen. Eltern müssen lernen, wie sie ihre Kleinkinder fördern können.

 

Bei den Strukturen / Rahmenbedingungen ansetzen

Kinderarmut muss endlich bekämpft werden. Voraussetzung dafür ist, dass Kinder überhaupt eine Chance auf Bildung haben.

 

Bildungsföderalismus / Kooperationsverbot überwinden

 

- Was kann die Zivilgesellschaft tun, um Chancengleichheit für Kinder und Jugendliche zu verbessern?

 

Freiräume schaffen

  • für Erwachsene, die sich ehrenamtlich engagieren wollen (mehr Zeit, bessere Vereinbarkeit Ehrenamt & Beruf, Offenheit des Arbeitgebers für soziales Engagement im Berufsalltag/Förderung)

  • für Eltern, damit sie mehr Zeit für ihre Kinder haben

  • für Kinder, damit sie sich gesund entwickeln können (Stress durch lange Schultage, viele Freizeitaktivitäten)

Engagement-Möglichkeiten bekannter machen

  • von öffentlicher Seite stärker dafür werben.

Ehrenamt attraktiver und wirksamer gestalten

  • Ausbildung der Ehrenamtlichen

 

C) ABSCHLUSSDISKUSSION IM PLENUM

 

Natalya Nepomnyashcha (Netzwerk Chancen) und Nina Jäcker (DEUTSCHLAND RUNDET AUF) diskutierten mit Marcel Fratzscher und dem Publikum abschließend die Ideen aus den Buzzgroups. Diese werden zu Forderungen gebündelt und von Netzwerk Chancen und DEUTSCHLAND RUNDET AUF an die neue Bundesregierung übermittelt.

 

Mehr Bund?! Bildungsföderalismus / Kooperationsverbot:

Derzeitiges Kooperationsverbot verhindert, dass der Bund Kommunen finanziell unterstützt, die diese Hilfe dringend benötigen. Es muss fallen oder zumindest gelockert werden, um finanzielle Mittel für Problemschulen/-regionen freizugeben.

 

Laut Grundgesetz haben alle Bürgerinnen und Bürger Deutschlands einen Anspruch auf gleichwertige Lebensbedingungen. Wir müssen die bestehenden Unterschiede verringern.

 

Wettbewerb der Bundesländer um beste Bildung nützt Familien nichts. Sie haben keine Wahl, müssen sich auf Qualität der Schulen in ihrem Einzugsbereich verlassen können.

 

Der Austausch über Ergebnisse von Pilotprojekten muss institutionalisiert werden. Auch über schlechte Ergebnisse und Scheitern müssen die Bundesländer sprechen – derzeit ist das tabu, weil schlechte Ergebnisse eine Schwäche bedeuten und sich die Verantwortlichen schämen.

 

Mehr Ressourcen, bessere Rahmenbedingungen

Zahl der Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss ist viel zu hoch. Die Bundesregierung muss handeln!

 

Kinder müssen emotional begleitet werden! Wir brauchen nicht nur LehrerInnen, sondern zusätzliches pädagogisches Personal für multiprofessionelle Teams!

 

Die besten LehrerInnen müssen an die schwierigsten Schulen geholt werden. Dafür müssen attraktive Jobangebote geschaffen werden, insbesondere für Lehrkräfte mit Zusatzausbildung, aber auch besondere Anreize (nicht zwingend finanziell, sondern auch Entlastung durch z. B. mehr Urlaub).

 

Mehr Vielfalt und Durchmischung!

Ghettoisierung / Segregation greift um sich. Homogene SchülerInnenschaft verhindert Aufstieg durch Bildung. Problemviertel brauchen Mischung in den Schulen.

 

Die Gesellschaft könnte durch sozialen Wohnungsbau vielfältiger werden, z. B. indem Sozialwohnungen in attraktiven, mehrheitlich von Gutverdienern bewohnten Gegenden angeboten werden.

 

Es darf nicht ausschlaggebend für eine Schule sein, welche SchülerInnen dorthin gehen. Die Schule muss so gut sein, dass es keine Rolle spielt, ob Kinder aus armen oder reichen Elternhäusern dorthin gehen. Schulen in Brennpunkten brauchen entsprechend mehr Ressourcen, um gute Bildung zu gewährleisten.

 

 

D) DIE TEILNEHMER/INNEN

 

Für das Interesse und die wertvollen Impulse danken wir unseren Gästen sehr herzlich. Folgende Organisationen waren vertreten:

 

ArbeiterKind.de, Balu und Du e.V., BBK in Berlin, Bettermarks GmbH, BFS health finance, Bildungsverband BBB e. V., Bundesministerium für Bildung und Forschung, Boss Baby, cegelec GmbH, Chancenwerk e.V., DAK, DBJR  Deutsche Bundesbank, Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs, Deutscher Berufsverband für Kindheitspädagogik e.V., DEUTSCHLAND RUNDET AUF, Deutschlandstiftung Integration, die Unternehmercoaches.de, DW, EduHeroes, EduHeroes Club, Evangelische Hochschule Berlin, Familien- und Nachbarschaftszentrum Wrangelkiez, Forum Berufsbildung e.V., Freie Universität Berlin, FUB i.R., GHG Berlin, GLS Bank Berlin, Grundschulverband, Hans Bellstedt Public Affairs, Horizontereignis, HP.HOFMANN, Humanistischer Verband Berlin-Brandenburg, IHYA, ISTA/Fachstelle Kinderwelten, Jugendwerk e.V., Jup.Berlin, Kindertagesstätten Berlin Süd-West Eigenbetrieb von Berlin, KKS, Knowing (wh)Y, Kreidestaub e.V., Kreuzberger Kinderstiftung gAG, LandesElternAusschuss, Lebenshilfe iKita gGmbH, Librileo gUG, menschenkenner, Miller & Meier Consulting, MitOst e.V., MusicTech Ge, many / Bundesverband Musiktechnologie, Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V., NAJU, nebenan.de, Netzwerk Bildung, Plant-for-the-Planet Foundation, Quinoa gGmbH, RAA Berlin e.V., Rock your life! Alumni e.V., Rock your life! Berlin, ROCK YOUR LIFE! gGmbH, S.T.E.R.N. GmbH, Sen BJF, Seniorpartner in School, Stiftung Bildung, Stiftung Rechnen, SYNK GROUP, Talentmanagement & Karriereberatung Burckhardt-Schön, Teach First Deutschland gGmbH, trias gGmbH, WZB Berlin, YouGov Deutschland, zwd-Mediengruppe, zwd-POLITIKMAGAZIN

 

 

Bilder: DEUTSCHLAND RUNDET AUF/Uwe Steinert (www.uwesteinert.de)

 

 

 

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