#StoryFriday: Sagithjan Surendra

September 7, 2017

Beim #StoryFriday erzählen wir freitags Geschichten von Menschen, die aus schwierigen Verhältnissen stammen und von Chancengleichheit profitiert hätten. Heute mit Sagithjan Surendra:

 

 

Ich heiße Sagithjan Surendra, bin 19 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Nürnberg. Als Kind tamilischer Einwanderer aus Sri Lanka, die vor dem dortigen Bürgerkrieg flohen, absolvierte ich 2016 das Abitur und studiere zurzeit Molekulare Medizin an der FAU in Erlangen. Besonders in den letzten Jahren habe ich erst realisieren können, was für ein Glück ich mit meinem Bildungsweg als Migrant aus einem Haushalt ohne jeglichen akademischen Hintergrund und begrenzten finanziellen Mitteln hatte.

 

Meine Eltern kamen als junge Erwachsene nach Deutschland, hatten in Sri Lanka bis zum Abitur Schulbildung genossen und waren durch die Umstände des Krieges gezwungen, sich aus ihrem Umfeld und ihrer Familie zu reißen, um dem Traum zu folgen, sich und ihren zukünftigen Kindern ein aussichtsreiches Leben in Sicherheit zu ermöglichen.

Mein Vater ist nun seit über zwei Jahrzehnten bei einem deutschen Großhandelsunternehmen als Staplerfahrer angestellt und hat mit diesem Gehalt eine vierköpfige Familie zu versorgen. Meine Eltern leben zufrieden und glücklich in Deutschland, aber es geht nicht unbemerkt, wie viel sie von sich haben aufgeben müssen; wie wenig sie sich selbst, allein aufgrund sprachlicher Hürden, haben entfalten können.

 

Als Kind hatte ich keinen Blick dafür. Ich besuchte brav die Schule und war ein vorbildlicher, fleißiger Schüler, hatte Bestnoten. Was ich erst später realisieren durfte war, was für ein Privileg ich mit meinem Umfeld genoss. Meine Eltern wussten stets zu betonen, welche Bedeutung Bildung für uns hat, mir stets aufzuzeigen, dass mir eine Diversität an Zukunftsperspektiven bevorsteht, wenn ich nur die nötige Motivation und Durchhaltekraft mitbringen würde. Auf meinem Weg zu meinem Abitur, das ich mit 0,9 absolvierte, hatte ich auch viel Unterstützung durch meine Lehrkräfte, die stets darum bemüht waren, mich zu fördern und mein Potential auszuleben – auch das keine Selbstverständlichkeit.

 

Einer der größten Meilensteine auf meinem Bildungsweg war für mich die Aufnahme in das Schülerstipendienprogramm “Talent im Land – Bayern”. Eine monatliche finanzielle Förderung, die mir einen gewissen Rahmen an Selbstständigkeit ermöglichte, meine Eltern entlastete, mir den Freiraum gab, meine Interessen auszuleben und mich ein bisschen selbstbestimmter machte. Diese Förderung war zweifelsohne eine Unterstützung, die mir meinen quasi hürdenlosen Bildungsweg ermöglichte. Aber gleichzeitig war das Stipendium, die ideelle Förderung und das gemeinsame Mit- und Füreinander mit Menschen ähnlicher Biographie ein Augenöffner. Ein Nicht-Akademikerhaushalt, das soziale Milieu, die finanziellen Umstände, Migrationsgeschichte – unsere Umstände determinieren unsere persönliche und akademische Laufbahn. Trotz aller Chancen und Möglichkeiten ist es eine Seltenheit und nahezu ein Privileg, dass ich einen solchen Bildungsweg aufweisen kann.

 

Nach meinem Abitur wusste ich: Ich möchte studieren. Ich wusste nicht wirklich, was auf mich zukommen würde und ich wäre auch der erste in der Familie, der studiert. Aber ich wusste, ich wollte meiner Neugier nachgehen, ich wollte mich bilden, ich wollte forschen. Gleichzeitig wusste ich, dass ich auch nicht in der Lage war, mir eine längere Auszeit zu nehmen, um vielleicht zu reisen, denn meine Familie ist auf mich angewiesen und ich konnte meine Eltern nicht zusätzlich finanziell belasten. Allein das Studium wird finanzielle Belastungen mit sich bringen, die meine Eltern nur mit Mühe tragen können. Wieder hatte ich unglaubliches Glück. Heute bin ich Tripel-Stipendiat: Kurz nach meinem Abitur wurde ich in die Förderung der privaten Hans-Rudolf-Stiftung aufgenommen. Damit war mir eine Starthilfe für das Studium gesichert und zusätzlich dank BaföG konnte ich das erste Semester völlig selbstständig studieren. Mit dem ersten Semester wurde ich Stipendiat der Studienstiftung und des Avicenna-Studienwerks.

 

Heute bin ich soweit, dass ich nur allzu gut weiß, dass die persönliche Laufbahn stark durch Umstände determiniert werden kann und diese nicht selten der Grund für den Verbleib in einem selbigen sozialen und finanziellen Milieu wie das der Eltern ist. Jeder ist aber auch seines eigenen Glückes Schmied: Fleiß, Motivation, Durchhaltevermögen, Unterstützung durch Eltern und Lehrkräfte – all die sind Schritte hin zu einer selbstbestimmten und erfolgreichen Zukunft. Meine Umstände und mein Umfeld haben mich schnell realisieren lassen welche Schlüsselrolle Bildung spielt. Vor allem durch den Kontakt zu Mitstipendiaten habe ich gelernt, wie viel man selbst bewirken und erreichen kann. Die womöglich größte Motivation ist, gemeinsam einen Weg zu bestreiten.

 

Auf meinem Bildungsweg war für mich die Förderung durch Stipendien eine einzigartige Unterstützung, die ich gerne auch anderen Schülern mit denselben Umständen und Biographien ermöglichen möchte. Heute bin ich dabei, mit Studenten, die ich in den Stipendien kennengelernt habe, ein eigenes Förderwerk aufzubauen, das gezielt Schülerinnen und Schüler aus nicht-akademischen Haushalten und begrenzten finanziellen Ressourcen fördern soll.

 

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