Über Chancen. Mit Udo Michallik

August 1, 2017

 

Weiterführende Schulen sind ein Schlüsselthema, wenn es um Chancengleichheit in Deutschland geht. Unter der Fragestellung, wie weiterführende Schulen so gestaltet werden können, dass sie den Weg für sozialen Aufstieg ebnen, hatte Netzwerk Chancen in Kooperation mit Teach First Deutschland sowie der Berliner Landeszentrale für politische Bildung zur interaktiven Diskussionsveranstaltung in die Räume der Landeszentrale eingeladen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Natalya Nepomnyashcha, der Gründerin von Netzwerk Chancen.

 

Ulf Matysiak, Geschäftsführer von Teach First Deutschland, eröffnete den Abend mit einem Impuls. “Unsere Kontakte außerhalb Deutschlands schauen mich regelmäßig sehr verwundert an, wenn ich ihnen erzähle, dass es auch in Deutschland Teach First braucht”, berichtete Herr Matysiak. Die Schwachstellen im deutschen System machen einen Verein wie Teach First notwendig. Positiv sei der sprunghafte Anstieg der Ganztagsschulen zu bewerten, da sich damit mehr Zeit für die Begleitung der SchülerInnen ergebe. Gleichzeitig machen Ganztagsschulen ein multiprofessionelles Schulpersonal notwendig.

 

Udo Michallik war der Gast des Abends. Als Generalsekretär der Kultusministerkonferenz steht er vor der Herausforderung, die Bildungspolitik der 16 Bundesländer so zu koordinieren, dass ein nationales Bildungskonzept sichtbar wird. Gleich zu Beginn wurde das Thema Kooperationsverbot angesprochen. Durch die Abschaffung dieser Hürde wären mehr Investitionen in Bildung durch den Bund möglich, was zu einer Verbesserung der Chancengleichheit führen könnte.

 

Udo Michallik machte seine Ablehnung des Begriffs des Kooperationsverbots deutlich, da dieser die Sicht auf die bestehende Praxis der Kooperation zwischen Ländern und Bund verstelle. Er mahnte eine gewisse Skurrilität bei der Tatsache an, dass vor der Föderalismusreform niemand die Kooperation bemerkt oder thematisiert hatte. Der einseitige Fokus auf das sogenannte Kooperationsverbot als Allheilmittel der Bildungspolitik verhindere, diese als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu betrachten. Gleichzeitig würden die positiven Aspekte des deutschen Schul- und Bildungssystems viel zu selten hervorgehoben. Udo Michallik betonte, dass Schule für ihn persönlich grundsätzlich etwas Positives sei.

 

Natalya Nepomnyashcha stellte klar, dass eine erfolgreiche Schullaufbahn nicht zwangsläufig mit der Hochschulzugangsberechtigung enden muss. Nichtsdestotrotz: „Es darf nicht an dem Status der Eltern liegen, welchen Schulabschluss ein Kind erlangt“, so Natalya Nepomnyashcha. Leider zeigten aktuelle Studien immer wieder, dass derzeitige Studierende mit großer Mehrheit aus Akademiker-Elternhäusern stammen.

 

Chancengleichheit war das bestimmende Thema in der Bildungspolitik in den letzten 15 Jahren“, so Udo Michallik. Er fügte hinzu, dass die Bildungsverantwortung von der gesamten Gesellschaft getragen werden müsse. Das bedeute, dass man sich noch viel stärker Gedanken um die Elternbildung machen sollte. Eine gute Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern sei eine wichtige Erfolgsbedingung für die SchülerInnen. Udo Michallik betonte, das Ganztagskonzept sei jedoch nur ein Teil der Antwort, da es nicht die sehr wichtige Lehrer-Eltern-Arbeit ersetze. Diese beiden Komponenten dürfe man nicht gegeneinander ausspielen. Auch bei den Formen des Ganztags sollten die Länder voneinander lernen.

 

Generell sei es wichtig, Vorhandenes, das gut funktioniert, zu erhalten und die SchülerInnen in einer schnelllebigen Zeit vor unnötigen und nicht hilfreichen Veränderungen zu bewahren. So sei die Digitalisierung eine große Chance für die Bildungspolitik. Jedoch sollte man deswegen nicht das traditionelle Lernen komplett verwerfen, sondern die Vorteile kombinieren.

Ein Lehramtsstudent aus dem Kreis der Zuhörer forderte Verbesserungen in der Lehrerausbildung. Zu hohe fachliche Hürden bei gleichzeitiger Missachtung der praktischen Komponente würde viele Studierende demotivieren und zu einem Abbruch des Studiums führen.

 

Das Gespräch mit Herrn Michallik hat gezeigt, dass in der Bildungspolitik noch viel Arbeit vor unserer Gesellschaft liegt, bis man von tatsächlicher Chancengleichheit sprechen kann. In der Diskussion wurde deutlich, dass es sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe handelt und die Last der Herausforderung nicht einseitig bei Lehrern und Schulen abgeladen werden kann. Diese sind heute schon oftmals mit ihrer Aufgabenfülle überfordert. Strittig blieb, ob ein Ende des Kooperationsverbots zu einer Verbesserung der Bildungssituation in Deutschland führen könnte.

 

 

 

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