#StoryFriday: Kristina Lunz

July 27, 2017

Beim #StoryFriday erzählen wir freitags Geschichten von Menschen, die aus schwierigen Verhältnissen stammen und von Chancengleichheit profitiert hätten. Heute mit Kristina Lunz:

 

 

Ich bin sehr behütet in einem 80-Seelen Dorf im Herzen der Fränkischen Schweiz aufgewachsen. Ich hatte lange keine Idee davon, was eine Universität eigentlich ist und wusste auch nicht, was ich studieren sollte und ob ich überhaupt wollte. Aus meinem engeren Familienkreis war bislang niemand zur Uni gegangen. Das hat mich nicht daran gehindert, trotzdem in der Schule ehrgeizig zu sein. Am Ende der 13. Klasse hatte ich eines der besten Abiturzeugnisse und mir war klar: Ich gehe auf eine Uni.

 

Ich studierte Psychologie. Anfangs war alles sehr einschüchternd, das akademische Leben hätte mir nicht fremder sein können. Karriere-, Zukunfts- und Stipendienberatung sowie Mentoring hätten mir bei meinem Start sicher geholfen, nur gab es all das nicht, wo ich aufwuchs. Während des Bachelorstudiums erfuhr ich von Stipendien. Ich bewarb mich, aber es klappte nicht auf Anhieb. Doch dann klappte es irgendwann: Ich wurde Stipendiatin eines Begabtenförderungswerkes. Erst durch dieses Stipendium erfuhr ich überhaupt von diversen Förderprogrammen und anderen elitär anmutenden Kreisen. Obwohl ich aufgenommen wurde, fühlte ich mich aber nicht zugehörig.

 

Mir fiel es anfangs schwer, Anschluss zu finden. Vielleicht, weil es offensichtlich war, dass ich keine von ihnen war. Vielleicht hielten mich auch meine Selbstzweifel zurück. Es ist schwierig, auch nur einfache Unterhaltungen zu führen, wenn der eigene Hintergrund so anders ist. Kunstgeschichte, Literatur und Politik beim Abendbrot zu diskutieren ist ein Privileg. Und so bleiben Nicht-Akademiker*innen-Kinder in diesen Kreisen eine Ausnahmeerscheinung. Leider.

 

Im Rahmen eines Englandaufenthalts während meines Bachelorstudiums besuchte ich die Universität Oxford, die kürzlich zur besten Universität der Welt ernannt worden ist. Die Idee, ich könne jemals an genau dieser Uni studieren, kam mir damals nicht in den Sinn. Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die einen bestärken und mehr an einen glauben, als man selbst. Ohne sie wäre ich auch nicht dort, wo ich heute bin. So ein Mensch war mein damaliger Freund. Er überzeugte mich für internationale Politik am University College London zu bewerben. Ich wurde angenommen.

 

Während meines Masters beschäftigten mich die Erinnerungen an meinen Wochenendausflug nach Oxford. Ich entschloss mich, dass ich es versuchen wollte und feilte nächtelang an meiner Bewerbung für die beste Uni der Welt. Im März 2014 kam dann die Zusage für „Global Governance and Diplomacy“ in Verbindung mit einem Vollstipendium, das es mir erlaubte, das Angebot eines zweiten Masters anzunehmen. Die Nachricht, dass ich nach Oxford gehen würde, war gleichzeitig eine der letzten Neuigkeiten, die mein Vater von mir bekam, bevor er Tage darauf verstarb. Ich glaube, es machte ihn sehr stolz. Oxford ist eine Welt, die für mich von außen stets unnahbar wirkte. Unterhaltungen und Umgangsformen bewegen sich in Oxford auf einem Niveau, das jemandem vom Dorf fremd ist. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass mich nirgends jemand so richtig versteht. Weder zu Hause, noch in Oxford, denn beide Welten haben kaum Überschneidungspunkte.

 

"In unserer Gesellschaft sind nicht die Intelligentesten und Kreativsten am erfolgreichsten."

 

Sondern diejenigen, die verschiedenste Privilegien genießen, wie den Zugang zu Geld, Kultur und Informationen. Natürlich spielt der eigene Ehrgeiz eine Rolle, doch entscheidend für den Erfolg ist primär die soziale Herkunft. Sie entscheidet, wo man startet.

Es gibt wenig Studierende nicht akademischer Elternhäuser an Unis wie Oxford. Es wird ihnen auch nicht leicht gemacht – die finanzielle Hürde ist eben nur eine von vielen. Aber es gibt uns dort und mich hat mein Weg stärker und resistenter gemacht. Wir müssen vielleicht härter arbeiten und sehr viel aufholen, um dort hinzukommen, aber es lohnt sich, für einen selbst und vor allem für unsere Gesellschaft. Wir brauchen eine heterogenere Gruppe an Menschen an den sogenannten „Elite“-Unis. Denn am Ende sind es leider immer und immer wieder dieselben Universitäten, die die einflussreichsten Persönlichkeiten unserer Gesellschaft hervorbringen. Das alles muss diverser werden.

 

Was jedoch ebenso wichtig ist: eine liebevolle und unterstützende Familie, die an einen glaubt – ich kann mich sehr glücklich schätzen, genau das zu haben.

 

 

Der Text erschien in ähnlicher Form zuerst bei ze.tt.

 

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