Die Grundschule als Grundstein für den sozialen Aufstieg

July 27, 2017

In den ersten Schuljahren werden die Grundsteine für Bildungskarrieren gelegt. Um zu erörtern wie Grundschulen den Weg für #ChancenFuerAlle ebnen können, hat Netzwerk Chancen am 23. Mai 2017 Vertreter aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft eingeladen, welche zum Thema „Die Grundschule als Grundstein für den sozialen Aufstieg“ diskutierten. Unsere Gäste waren Paul Fresdorf, MdA (Sprecher für Bildung, Jugend, Familie und Integration der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus), Jennifer Busch (Gründerin von climb-Lernferien), Marianne Burkert-Eulitz, MdA (Sprecherin für Familie und Bildung der Fraktion der Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus), Prof. Dr. Felicitas Thiel (FU Berlin, Arbeitsbereich Schulpädagogik/Schulentwicklungsforschung) sowie Ulf Matysiak (Geschäftsführer von Teach First Deutschland).

 

Gemeinsam mit dem Publikum wurden Defizite in der Ausstattung von Grundschulen, die Überlastung von Lehrern sowie die Problematik zu großer Klassen diskutiert. Weitere Themen waren die mitunter wenig wirkungsorientierte Finanzierung von Fördermaßnahmen sowie die zum Teil mangelhafte pädagogische Ausbildung von Lehrkräften. Diese Herausforderungen erschweren die Aufstiegsmöglichkeiten von Kindern aus bildungsfernen Familien schon in den ersten Schuljahren wesentlich. Mit gezielten wirkungs- und zielorientierten Maßnahmen oder einer substantiellen Erhöhung des Bildungsetats könnte man viel erreichen.

 

Für Paul Fresdorf (FDP) ist Berlin ein Bundesland, in dem der soziale Hintergrund maßgeblich darüber entscheidet, ob Kinder Bildungschancen erhalten. Zur Förderung der Chancengleichheit für den sozialen Aufstieg schlug er die Einführung eines verbindlichen Schulvorbereitungsjahres im Elementarbereich vor. Für ihn geht es dabei vor allem um einen einheitlichen Erwerb grundlegender schulischer Kompetenzen. Im verbindlichen Vorbereitungsjahr sieht er das Potenzial, Kinder aus bildungsfernen Familien durch einen individuell angepassten thematischen Einstieg abzuholen und so zu fördern, dass ihnen der Einstieg in die schulische Laufbahn erleichtert werde.

 

Paul Fresdorf (FDP) möchte den Qualitätsproblemen und den dadurch entstehenden sozialen Herausforderungen durch eine Aufstockung des Schulbudgets entgegentreten. Zur Förderung der Eigenständigkeit der Schulen sollen seiner Meinung nach zudem verbindliche Einzugsgebiete aufgehoben und Schulen in schwierigen Stadtteilen durch größere finanzielle Handlungsspielräume und spezialisierte Förderungsbereiche attraktiver werden. Man müsse außerdem in die Attraktivität des Lehrerberufs investieren, um junge Menschen für die Lehrtätigkeit zu motivieren. Neue, engagierte und qualifizierte Lehrer könnten zu einer besseren Gestaltung des Schulalltags und zu einem ansprechenden Lehrplan beitragen. Ebenso sollten Schulen über die gebotenen Arbeitsbedingungen um gute Lehrer konkurrieren können.

 

Marianne Burkert-Eulitz (Bündnis 90/Die Grünen) verdeutlichte, dass eine der größten Aufgaben der nächsten Jahre darin bestehe, ausreichend qualifiziertes Lehrpersonal zu finden. Insbesondere bei den Grundschulen müsse noch viel getan werden. Sie vertrat die Meinung, dass die in Berlin bestehende Quereinstiegsmöglichkeit eine Chance sei, aber man sich zugleich davor hüten sollte, im Quereinstieg ein Allheilmittel zu sehen. Quereinsteiger in das Lehrpersonal zu integrieren ist für die Schulen eine besondere Herausforderung. Sie forderte zudem eine neue Auseinandersetzung mit dem Thema Grund- und Ganztagsschulen, die ihrer Meinung nach gerade in Berlin bislang zu wenig erfolgt sei. Das Thema Qualität im Ganztag komme zu kurz, wenn der Ganztag mehr sein sollte als eine bloße Nachmittagsbetreuung.

 

Wie kann die Qualität an diesen Schulen gesteigert werden und wie können Kinder aus bildungsfernen Familien bessere Chancen auf einen sozialen Aufstieg erhalten?

 

Mit diesem Thema beschäftigt sich auch die gemeinnützige CLIMB GmbH mit Sitz in Hamburg, die sogenannte climb-Lernferien in mehreren Bundesländern veranstaltet. Diese bauen den teilnehmenden sozial benachteiligten Kindern eine Brücke, um die Chancen, die die Grundschule bietet, auch ergreifen zu können. Die Gründerin Jennifer Busch betonte, dass die Neugier und die Stärken der Kinder gefördert werden müssten. Dies könne durch begleitende Programme während der Ferien,  durch Forschungsprojekte in- und außerhalb der Schulzeit uvm. geschehen. Es komme dabei weniger auf den Inhalt als vielmehr auf die stärkenorientierte Haltung an. Schulische und außerschulische Programme stärken im Idealfall die Kinder in ihrer Eigenständigkeit, ihrem Selbstbewusstsein und Mut. Sie betonte, dass die Schule sehr viele Chancen biete und alle zusätzlichen Programme darauf abzielen sollten, die Kompetenzen der Kinder zu stärken diese Chancen auch wirklich wahrzunehmen.

 

Den wissenschaftlichen Hintergrund zu dieser Thematik erläuterte anschließend Prof. Dr. Felicitas Thiel. Abgesehen von schlechteren Startvoraussetzungen, gelangten zu viele Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status ihrer Meinung nach auf die falsche Schule, sodass sie – gemessen an ihren kognitiven Fähigkeiten ihr Potential nicht ausreichend entfalten können. Dabei spiele neben den Übergangsdiagnosen der Lehrkräfte auch das Entscheidungsverhalten der Eltern eine Rolle. „Aus der Bildungssoziologie und Bildungsökonomie wissen wir, dass Eltern die Fähigkeiten ihrer Kinder abhängig von ihrem sozialen Status unterschiedlich beurteilen. Sie haben unterschiedliche Erfolgserwartungen gegenüber ihrem Nachwuchs, selbst wenn ihre Kinder gleich intelligent sind”, berichtet Prof. Dr. Thiel. Aus diesem Grund wäre ein ausreichendes Informationsangebot für die Erziehungsberechtigten mit niedrigem sozioökonomischen Status über den konkreten Wert eines Bildungsausschusses sowie über das Entwicklungspotential ihrer Kinder notwendig.

 

Ebenso belegten zahlreiche Studien, dass die Qualität des Unterrichts ausschlaggebend für den Erfolg der Kinder sei. So wurde zum Beispiel in einer amerikanischen Studie mit rund 15.000 Schulkindern über drei Jahre hinweg die Lernentwicklung mit kompetenten und weniger kompetenten Lehrkräften betrachtet. Die Erfolgsquote in Mathematik lag bei leistungsschwachen Kindern, die von kompetenten Lehrkräften unterrichtet wurden, bei über 90 Prozent, wohingegen leistungsschwache Schüler/innen mit den weniger kompetenten Lehrern eine Erfolgsquote von nur 17 Prozent erzielen konnten. Prof. Dr. Thiel wies außerdem auf vorhandene Interventionsprogramme – insbesondere in der Sprachbildung hin – die in Berlin noch einen weitaus größeren Bekanntheits- und Implementierungsgrad erreichen müssten, um soziale Nachteile in der Schule zu reduzieren.

 

Ulf Matysiak, Geschäftsführer von Teach First Deutschland, plädierte für eine bessere Ausstattung der Schulen und unterstützte die Forderung nach gut ausgebildeten Pädagogen in den sozialen Brennpunktschulen. „Quereinsteiger sind kein Allheilmittel, gut vorbereitete und begleitete Quereinsteiger könnten aber wichtige Funktionen übernehmen“, sagte er. Zwischen Schulen und Eltern fehle beispielsweise häufig der Kontakt, der nur mit geschultem Personal verbessert werden könne, welches die “Eltern aktiv in die Schule” hole. Erst wenn der Kontakt etabliert und gepflegt würde und sich Eltern angenommen fühlten, könnten die Lehrer auf deren Unterstützung zählen. Dies würde die Lehrkräfte entlasten und die Verantwortung für die Bildung der Kinder wieder auf mehrere Schulternpaare verteilen. 

 

Alle Diskussionsteilnehmer und Gäste waren sich einig: „Erst wenn wir es schaffen, dass jedes Kind einen guten Schulabschluss erhält, kann es ein selbstbestimmtes Leben führen.“

 

 

 

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